DAS VERLESEN VON GESETZEN UND ANDEREN WELTLICHEN DINGEN VON DER KANZEL

Jürgen Jahncke

Seit der Reformation ließen protestantische Landesherren und Ortsobrigkeiten ihre Verordnungen und Gesetze verschiedenster Art durch die Geistlichen in den Kirchen verkünden. Vielerorts wurden sogar weltliche Verfügungen bzw. Bestimmungen alljährlich zu bestimmten Zeiten wiederholt von der Kanzel verlesen. Eine solche Bekanntmachung von Gesetzen fand bis Ende des 18. Jahrhunderts statt. Bisweilen ergingen die Publikationsbefehle von den Landesherren auf dem direkten Weg an die einzelnen Geistlichen oder Superintendenturen. Das war möglich, weil die kirchliche Obergewalt auf die weltlichen Landesherren übergegangen war. Dieser Umstand verlieh ihnen die Befugnis, durch unmittelbare Befehle die Stellung der Geistlichen zu nutzen. So stellte es die einfachste und übliche Form dar, gesetzliche Bestimmungen den Bürgern mitzuteilen. In einigen Fällen widersetzten sich auch Geistliche diesem Ansinnen, betrachteten solche Praktiken als Verfall der Sitten während des Gottesdienstes, in dem nicht nur die Polizeiverordnung verlesen werden musste, sondern auch Bestimmungen des Forst- und Jagdwesens, Schuldensachen, Grundstücke zum Verkauf angeboten und Finderlohn für verlorengegangene Gegenstände.

Kanzel der St.- Johannis-Kirche Kühlungsborn

In dem Edikt (amtlicher Erlass) der Herzöge Heinrich und Johann Albrecht zu Mecklenburg vom 7. Mai 1549, das sich gegen Landstreicher und Kriegsfröhner sowie gegen unerlaubtes Jagen und Holzverwüstung richtete, wurde das Verfahren der Bekanntmachung in der Verordnung wie folgt vorgeschrieben:

„beuehlen vnd wollen hiermit, das alle vnsere Amptleute vnd Beuehlshabere in Stetten, Ampten, Flecken und Dorffern sollen diese vnsere Ordnung in allen Kirchen von Predigstulen vnd auch sonsten in vnser Underthanen ire Amptuorwanten Zusammenkünften vorkundigen vnd wortlichen vorlesen lassen.“ (S. 442)

Dieser kirchliche Publikationsmodus blieb etwa drei Jahrhunderte vorherrschend und wurde allmählich auf alle Arten obrigkeitlicher Verfügungen ausgedehnt.

Besonders nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) erweiterte sich das Verlesen von Vorschriften und Privatangelegenheiten wie Verkauf von Gegenständen, Verhaltensmaßregeln bei ansteckenden Krankheiten, Vorladungen zum Gericht, Versteigerung von Feldfrüchten immer mehr zu einer Unsitte und zum Verfall des geistlichen Standes. Herzog Gustav Adolf verbot es deshalb 1660.

Der größte Missbrauch mit Bekanntmachungen von der Kanzel mag sich auf dem platten Lande ereignet haben, weil die Geistlichen oft von ihrem Patron abhängig waren. Diese maßten sich die Rechtsprechung an und ließen sie von der Kanzel verkünden wie z. B. die folgende Zeugenaussage:

„Sagt, er wisse wohl, daß die Junckern von der Cantzell abkundigen lassen, daß die Pauren sich der Zelgen (von gewissen Eichen) abzuhauwen nicht vnderstehen sollten, vnd da sie darüber betretten, wollten sie dieselben pfanden.“(1588) (S. 452)

Als zu Beginn der 1720er-Jahre eine kaiserliche Kommission in Mecklenburg Herzog Carl Leopold entmachtet hatte und die Möglichkeit nutzen wollte, ihre Kontributionsedikte über die Landesgeistlichen bekannt zu geben, verweigerten die Pastoren es den kaiserlichen Beamten. Sie hielten wie die Masse der Landbevölkerung treu zu ihrem Herzog Carl Leopold. Daraufhin bestrafte man sie mit Geldbeträgen und drohte, sie sogar zu exekutieren. Sie blieben aber standhaft, was der nachfolgende Text bezeugt:

„es stehe keinem aufrichtigen Prediger wohl an, Edicta zu publiciren, wodurch Serenissimi Autorität gekränkt wird; sie wollten in devotion und Treue Alles über sich ergehen lassen.“ (S. 445)

Auch militärische Informationen wurden von der Kanzel verlesen wie die Bekanntmachung des Herzogs Friedrich Wilhelm aus dem Jahr 1711:

„Wann künftig die Compagnien auf einen gewissen Tag und Ort zusammen kommen sollen, alsdann wird solches den Sonntag vorher durch den Prediger von der Cantzel abgekündiget.“ (S. 453)

Bei der Verkündung einer Verordnung vom 26. Juni 1749 des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin „Von Bestrafung des Hausdiebstahls“ heißt es wörtlich: „Damit nun dieses überall kund werde, so haben Wir gegenwärtige Constitution durch den Druck bekannt zu machen, und von den Canzeln zu publicieren.“

Kanzel der St.-Johannes-Kirche Rerik. Foto: Ralph Latteck

Herzog Christian Ludwig ließ ab 2. November 1751 sein „Straf-Edict wider die Duelle“ wie folgt verbreiten: „Damit nun gegenwärtiges Edict zu jedermanns Wissenschaft kommen, und niemand mit der Unwissenheit sich zu entschuldigen Ursache haben möge; So ist selbiges in allen Kirchen Unseres Landes von der Canzel verlesen, und darauf öffentlich angeschlagen worden. Urkundlich unter Unserem Fürstlichen Handzeichen und Insiegel

Gegeben auf Unserer Vestung Schwerin 20. October 1750 Christian Ludwig.“

Sogar landesfürstliche Privatsachen wurden auf diese Weise in allen Kirchen verkündet.

„Demnach ein Paar Diamanten Ohrringe, oben mit 2 runden Rosen vnd 2 Hertz=Rosen daran hangend, so Ihr hochfürstl. Durchlaucht Zuständig, verlohren worden, alß wird ein Jeder, wer solche gefunden oder Wissenschaft darümb hat, erinnert, solches anzuzeigen, und sich desfalß bei Unsern Hoff=Juden Michel Hinrichsen hieselbst anzugeben, da dann nicht allein dem Finder oder Anzeiger deßelben von gedachtem Hoff=Juden zweihundert Rthlr [Reichstaler] zum recompens sofort bahr bezahlet werden sollen, sonder er hat sich auch dabey aller fernern fürstlichen Gnade zu versichern. Sollte aber solches Jemand verhelet und verschwiegen, und hienechst über kurtz oder lang doch offenbar werden, Derselbe hat Ihr Durchl. Ungnade und straffe ohnfehlbahr zu gewarten.“ (S. 454)

Nach einem Bescheid vom 18. Juli 1785 gab es nur noch wenige von der Regierung anbefohlene jährlich Verlesung von landesherrlichen Verordnungen. Das übernahmen immer mehr die Tageszeitungen. Ab 1812 veröffentlichte das „Officielle Wochenblatt“ die Aufgabe der Verbreitung von Gesetzen, Verfügungen und Nachrichten in Mecklenburg.

Ein Tipp von Martin Luther: „Der Prediger steige auf die Kanzel, öffne den Mund, höre aber auch wieder auf!“

Die Kanzel
Sie ist eine Erfindung des Prediger-(Bettler-) Ordens im 13. Jahrhundert. Ihre Bedeutung wuchs mit dem zunehmenden Stellenwert der Predigt nach der Reformation in der evangelischen Kirche.

Ihre Bestandteile sind der meist kunstvoll gestaltete Kanzelkorb mit einem Lesepult. Sie steht auf einem Fuß oder Träger an der Außenwand, auch im Kircheninnern oder an einer Säule und ist über eine Treppe erreichbar. Kanzel und Treppe sind in der Regel durch eine Tür getrennt. Vielfach wurden sie mit einem ebenfalls dekorativ gestalteten Schalldeckel versehen. Die Kanzelkörbe zieren biblische Szenen oder Porträts der Evangelisten.

Die Kanzel verschafft dem Prediger sowohl Gehör, aber auch eine Distanz. So ist die Redewendung „jemand abkanzeln“ entstanden. Deshalb wurde sie meistens an den Stellen errichtet, wo die beste Akustik für alle Zuhörer zu erwarten war.

DIE ROLLE DER KIRCHE IN DER WENDEZEIT
1988 BIS 1990

Jürgen Jahncke

1988

Der Schaukastenkreis der Kirchgemeinde hatte für die Passionszeit ein Plakat gestaltet, auf dem in relativ kleinen Schriftzügen Folgendes dargestellt war: Demonstranten trugen ein Transparent mit Rosa Luxemburgs Ausspruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Das Plakat hing etwa vier Wochen aus, bis eines Nachts ein Streifenwagen der Volkspolizei vor dem Schaukasten am Lindenhof in der damaligen Wilhelm-Pieck- Straße (heute Neue Reihe) vorfuhr, das Plakat mit Scheinwerfern anstrahlte und begutachtete. Wenige Tage später erhielt Pastor Burkhardt überraschend Besuch vom Abteilungsleiter für Inneres des Rates des Kreises Bad Doberan, Herrn Fischer. Er forderte die rigorose Entfernung des angeblich provozierenden Plakats. Da es ohnehin ausgewechselt werden sollte, wurde es entfernt. Die Bemerkung von Herrn Fischer im Gespräch mit Pastor Burkhardt: „Wie blöd sind die [Volkspolizei] eigentlich!“ findet sich in der Kirchenchronik.

Ende August 1988 übernahm der junge Pastor Steinbacher die Evangelisch-Methodistische Kirchgemeinde in Kühlungsborn. Er fand sofort guten Kontakt zur Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde, besonders zu dem Kreis junger Erwachsener, der sich konfessionsübergreifend jeden Freitag traf.

Die Friedensdekade vom 6. bis 16. November 1988 stand unter dem Motto: „Friede den Fernen und Friede den Nahen“. Pastor Steinbach nahm in Magdeburg an der ökumenischen Versammlung unter dem Thema „Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung“ teil und berichtete darüber auch in der Kirchgemeinde.

1989

Kirchenchronik S. 20f: „Da Ausreiseanträge von DDR-Bürgern, die es in diesem System nicht mehr aushalten konnten wie bisher, (trotz neuer Reiseverordnung?) restriktiv behandelt wurden, suchten immer mehr Leute Hilfe bei der Kirche. In mehreren Fällen konnte Pastor Burkhardt unabhängige Rechtsanwälte vermitteln, u.a. den in der Landessynode gewählten Anwalt Wolfgang Schnur aus Rostock, der mit viel Courage Ausreisewillige vertrat. (Leider erwies er sich nach der politischen Wende als IM der Staatssicherheit.) Eine ganze Reihe von Ausreisewilligen und politisch Unzufriedenen versammelte sich demonstrativ auf der Empore unserer Kirche. Im Laufe des Jahres verstärkte sich diese Bewegung immer mehr. Grundsätzlich vertrat die evang. Kirche die Auffassung, dass Gott uns einen Platz in diesem Land zugewiesen hat, dass wir Christen gerade hier unter schwierigen Bedingungen unseren Auftrag haben. Pastoren und kirchliche Mitarbeiter, die oft sehr schnell in die Bundesrepublik Deutschland aussiedeln durften, bekamen „drüben“ zunächst keine Anstellung in der Kirche. Ihr Verlassen der DDR galt fast wie „Fahnenflucht“.

So versuchte der Pastor in seelsorgerischen Gesprächen ausreisewillige Gemeindeglieder zum Hierbleiben zu ermuntern. Aber in den meisten Fällen handelte es sich um Gemeindeglieder, die unter dem kommunistischen System wahrhaftig genug gelitten hatten, denen hier einfach ein zu enges Korsett angelegt wurde. Ihnen galt die Hilfe der Gemeinde.“

Angeblich sollte Pastor Burkhardt am 11. Dezember 1988 in einer Predigt staatsfeindliche Aufrufe verwendet haben. Daraufhin wurde er zum Stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Kreises Bad Doberan, Herrn Fischer, einbestellt. Die Bürger, die sich angeblich über seine Predigt beschwert hatten, entpuppten sich nach Pastor Burkhardts Einsichtnahme in seine Stasi-Unterlagen als IM.

Der Versuch der Stasi, einen Keil zwischen Kirchgemeinderat und Pastor Burkhardt zu treiben, misslang.

Der Jugendfasching der Gemeinde am 3. Februar 1989 hatte ein unangenehmes Nachspiel. Nach Angaben der Volkspolizei handelte es sich um eine nicht angemeldete Veranstaltung. Pastor Burkhardt wurde mit einer Ordnungsstrafe in Höhe von 100,85 Mark belegt.

Im April 1989 beschloss der Kirchgemeinderat, sich an der Aktion „Eine Mark für Espenhain“ zu beteiligen. Das Geld war für die Rekonstruktion eines dortigen Chemiebetriebes vorgesehen, um den Ausstoß von Giftstoffen in die Atmosphäre zu mindern. Das Programm Ökologie in kirchlichen Gruppen wurde von der Staatsführung und der Staatssicherheit mit größtem Misstrauen beobachtet.

Nach den Kommunalwahlen in der DDR am 7. Mai 1989 gab es von oppositionellen Gruppen massive Vorwürfe wegen Wahlbetrug.

Pastor Burkhardt schreibt in der Pfarrchronik S. 28: „Noch in der späten Nacht dieses Sonntags kam ein Vertreter des Wahlausschusses des Kreises Bad Doberan zum Pastor und berichtete über massive Wahlfälschungen, besonders die Zahl der Nichtwähler betreffend. Er übergab dem Pastor die Zahl der Nichtwähler in 10 von 35 Gemeinden des Kreises, 486 Nichtwähler. Am 10. Mai veröffentlichte die Ostsee-Zeitung als Zahl der Nichtwähler für den ganzen Kreis (35 Gemeinden); 286, also eine erhebliche Differenz. Ohne die Nennung seines Informanten schrieb Pastor Burkhardt am 29. Mai an Herrn Fischer vom Rat des Kreises und bat um Auskunft, wie solche Differenzen zustande kommen können. Dieser reagierte am 9. Juni mit Betroffenheit und Erstaunen. Die Antwort wurde am 16. Juni vom Vorsitzenden des Rates des Kreises erteilt, und zwar mit einem Wortlaut, der wörtlich von Stasi-Chef Mielke für dergleichen Anfragen vorgeschrieben wurde.“

Die Ausreisewelle von unzufriedenen Bürgern der DDR nahm im Sommer 1989 immer größere Ausmaße an. Die Konferenz der Leitung der Evangelischen Kirche forderte auf ihrer Konferenz am 2. September 1989 dringend Reformen in der DDR sowie eine neue Medienpolitik, Reisefreiheit für alle Bürger, freie Wahlen und konsequente Abrüstungsgespräche. Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche wurden zum Vorbild für andere Proteste der Bevölkerung der DDR.

Bis zu 100.000 Menschen demonstrierten in Leipzig am 9. Oktober 1989 durch die Innenstadt und forderten die Zulassung des „Neuen Forums“ und die Freilassung von politischen Gefangenen. Am 19. Oktober trafen sich in der Rostocker Marienkirche Tausende zum Friedensgebet und demonstrierten anschließend. Das Doberaner Münster war am 25. Oktober beim Friedensgebet überfüllt.

„Am 17. Oktober 1989 bildete sich unter der Leitung von Pastor Thomas Steinbacher in der Evangelisch-Methodistischen Kirche im Fischersteig eine Kühlungsborner Gruppe – das NEUE FORUM (NF). Es kamen etwa 80 Bürgerinnen und Bürger zusammen und vereinbarten die nächsten Schritte, nämlich die Bildung von hauskreisähnlichen Initiativgruppen. Pastor Burkhardt, nicht Mitglied des NF, unterstützte jedoch voll die Sache. Kantor Pilgrim und seine Frau gehörten zu den Initiatoren des NF in Kühlungsborn.

Da für die 2. Versammlung des NF der Kirchensaal im Fischersteig zu klein war, öffneten wir für den 2. November unsere Kirche. Sie war mit ca. 500 Leuten so überfüllt, dass man fast ein Zusammenbrechen der Empore befürchten musste. Mehrere hundert Leute verfolgten die Veranstaltung außerhalb der Kirche. Eine Verstärkeranlage war installiert worden. Pastor Burkhardt eröffnete die Veranstaltung als eine Veranstaltung der Bürgerinitiative NEUES FORUM (NF). Er las Sätze aus Psalm 85. Gemeinsam wurde das Lied ,Die Gedanken sind frei‘ (in der Fassung von Ingo Bartz) gesungen.

Die Ärztin Christiane Fink las ein aktuelles Gedicht. Pastor Steinbacher informierte über das Neuste vom NF. NF-Hauskreise berichteten über ihre Arbeit. Viele Bürgerinnen und Bürger traten vor das Mikrofon, um ihre Anliegen vorzubringen, oft voller Wut und Ärger. Eine Petition an den Rat der Stadt wurde verlesen und verabschiedet.

Zum Abschluss wurde das Lied der amerikanischen, gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung gesungen ‚We shall overcome some day‘ (an der Gitarre begleitet von Hansi Sädtler).

Danach zogen die Massen mit Kerzen, die jemand in großen Mengen in die Kirche gebracht hatte, zum Rathaus. Einige sangen noch immer ‚We shall overcome‘. (Am nächsten Tag lagen viele der kleinen blauen Liedzettel auf der Straße.) Viele Leute schlossen sich unserer Demo an. Am Rathaus waren es wohl um die 1.000 Leute. Dort war eine Verstärkeranlage aufgestellt. Der Bürgermeister wartete schon. Erstaunlich war, wie dann manche Leute zum ersten Mal frei vor einem Mikrofon standen und ihre Meinung sagten und mit guten Vorschlägen nicht sparten. Das war unsere Kühlungsborner friedliche Revolution am 3. November 89 (1 Tag vor der berühmten Demo auf dem Berliner Alexanderplatz).“

Bürgermeister Moeck lud am 7. November zu einer öffentlichen Versammlung in die „Strandbühne“ ein. Bei dieser Zusammenkunft gestanden reformwillige Mitglieder der SED-Kreisleitung Fehler ein und bemühten sich, die Anwesenden für einen Neuanfang mit der SED zu gewinnen. Das scheiterte. Im Gegenteil. Sie wurden aufgefordert zurückzutreten.

Eine weitere Demonstration am 4. Dezember führte unzufriedene Bürger abermals zum Rathaus. Am 9. Dezember demonstrierten Einwohner der Stadt bei klirrender Kälte zum MdI-Erholungsheim „Ostsee-Heim“ und forderten seine Umwandlung in ein Heim für Senioren.

Die Ereignisse überschlugen sich:
18. Oktober: Der Generalsekretär der SED, Erich Honecker tritt zurück.
7. November: Der Ministerrat der DDR-Regierung unter seinem Vorsitzenden Willy Stoph tritt zurück.
8. November: Das Politbüro der SED tritt zurück.
9. November: Die Mauer in Berlin wird geöffnet.
13. November: Hans Modrow wird Vorsitzender des Ministerrats der DDR
6. Dezember: Der Generalsekretär der SED, Egon Krenz, tritt zurück.
6. Dezember: Manfred Gerlach (LDPD) wird neuer Staatsratsvorsitzender.
7. Dezember: Der erste zentrale Runde Tisch wird in Berlin gebildet.
16./17. Dezember: Die SED wird zur PDS unter Gregor Gysi.
19. Dezember: Staatsratsvorsitzender Hans Modrow und Kanzler Helmut Kohl treffen sich erstmalig in Dresden und verhandeln über eine deutsch-deutsche Vertragsgemeinschaft.
24. Dezember: der Zwangsumtausch von Devisen bei Einreise in die DDR und die Visumspflicht für Deutsche beider Staaten wird aufgehoben.
31. Dezember: Am Brandenburger Tor feiert man die schönste Silvesterparty.

Am 4. Dezember behandelt der Kirchgemeinderat das Thema „Geistliche Erneuerung“.

Am 16. November 1989 war der Kühlungsborner Bürgermeister Peter Moeck von seiner Funktion zurückgetreten. Kommissarisch übernahm Herr Klaus Koch (NDPD) die Amtsgeschäfte. Er lud zum 17. Januar 1990 Vertreter der etablierten Parteien und der neuen basisdemokratischen Gruppierungen und die Kirchenvertreter zum Runden Tisch ein. Deren Leitung übertrugen die Anwesenden den Pastoren der Evangelisch-Methodistischen Kirche Thomas Steinbacher und Matthias Burkhart, Evangelisch-Lutherische Kirche. Dieses Gremium, das alle drei Wochen tagte, übernahm bis zur Kommunalwahl am 6. Mai 1990 die Verantwortung für die Geschicke in Kühlungsborn. Im Mittelpunkt der Zusammenkünfte standen Fragen des Sozialwesens, der Ökologie, der Gewerbegenehmigungen, Grundstücksrückführungen und -erwerb sowie aktuelle Probleme der Infrastruktur. Der Runde Tisch vermied es, Immobilien leichtfertig zu verkaufen.

Auf Vorschlag von Pastor Burkhardt wurde ein „Gerechtigkeitsausschuss“ gebildet, um die berüchtigte „Aktion Rose“ des Jahres 1953 aufzuarbeiten.

Der Runde Tisch war ein Übungsfeld für die später freigewählte Gemeindevertretung der Stadt.

1990

Die erste freie Kommunalwahl am 6. Mai 1990 in Kühlungsborn erbrachte folgendes Ergebnis:

SPD-27,52 % (7 Sitze), CDU-27,16 % (7 Sitze), PDS-14,27 5 (4 Sitze), FDP-5,38 % (1 Sitz), Volkssolidarität-2,08 % (1 Sitz), Unternehmerverband-2,1 % (1 Sitz), Einzelkandidat Klaus Koch-2,08 % (1 Sitz), Handwerker- und Gewerbeverein-9,74 % (2 Sitze), Neues Forum-8,39 % (2Sitze)

Zum neuen Bürgermeister wurde der Elektroingenieur Knut Wiek (SPD) gewählt, zum Bürgervorsteher Jürgen Kröger. Pastor Burkhardt wurde auf Vorschlag des Bürgermeisters Beigeordneter des Hauptausschusses.

Steinbacher, Thomas 2014: Bleibe im Lande und wehre dich täglich!

Diesen Spruch habe ich im September 1989 in den Schaukasten gehängt, vor unsere kleine evangelisch-methodistische Kapelle im Fischersteig in Kühlungsborn. Und dazu eine Landkarte der DDR. Ein Stasi-Mitarbeiter hielt das für so staatssicherheitsrelevant, dass er ein Foto machte, welches ich Jahre später in meiner Akte fand. Dass er dabei sein Spiegelbild gleich mit fotografiert hat, ist lustig und irgendwie auch tiefsinnig … – Jedenfalls: Ein Dankeschön an die Stasi für das interessante Foto und die damit verbundene Erinnerung!

In Kühlungsborn und Altenhagen war meine erste Stelle als junger Pastor. In jenem Jahr verließen die Leute in Scharen das Land, junge Leute, die nicht länger gegängelt und eingesperrt sein wollten, Familien, die sich eine bessere Zukunft im Westen versprachen. Arbeiter, Angestellte, auch besonders viele Ärzte hatten Ausreiseanträge gestellt. „Wir wollen raus!“ riefen im Sprechchor manche bei den ersten Demonstrationen. Und andere hielten dagegen: „Wir bleiben hier!“ Ich gehörte zu denen, die fürs Hierbleiben plädierten. Nicht, weil es so toll war im ummauerten Arbeiter-und-Bauern-Staat, sondern weil es unsere Heimat war, unser Land, das man von innen her­aus verändern musste: mit Glasnost und Perestroika, mit friedlichem Widerstand und Phantasie. Man muss sich täglich wehren gegen Denk- und Reiseverbote, gegen Unfreiheit und Dummheit und auch gegen die eigene Resignation, gegen die innere Emigration. In unserer Rostocker Michaeliskirche hatten Sibylle und Günter Hering seit dem Mai 1989 eine „Informationsstelle für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ eingerichtet, die jeden Mittwoch ihre Türen öffnete. An einem dieser Mittwoche stellten wir die neuen Bewegungen und ihre Resolutionen vor – Neues Forum“, „Demokratie Jetzt“ u.a. – hunderte Menschen kamen und viele wagten es schließlich auch, sich in die Listen einzutragen. Ja, wir träumten in jenem Sommer und Herbst den Traum von einem Land, das nicht nur dem Namen nach, sondern tatsächlich eine „Deutsche Demokratische Republik“ sein würde. Was sollte aus diesem Traum werden, wenn die Besten in den Westen gingen? Deshalb: „Bleibe im Lande und wehre dich täglich!“ Der Spruch war die kreative Abwandlung eines Bibelwortes aus Psalm 37: „Hoffe auf den HERRN und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.“

Ich weiß noch, dass sich eine „bibeltreue“ Frau aus der Gemeinde darüber beschwerte, wie man denn einen Satz der Heiligen Schrift so verfälschen könne! Und ich wurde natürlich nach Bad Doberan zur „Abteilung Inneres“ vorgeladen. Herr Fischer, der Chef dieser Abteilung, stauchte mich zusammen und verlangte, dass ich dieses „hetzerische Machwerk“ abhänge. Vielleicht hatte er begriffen, was geschehen würde, wenn tatsächlich die Menschen dablieben und sich nicht nur redlich nähren, sondern auch täglich wehren würden…

Und so geschah es dann ja auch: Die Mauer fiel, das SED-Regime musste abdanken. Manche von unseren Träumen wurden schneller wahr, als wir zu hoffen gewagt hatten: dass so viele die Angst überwanden und auf die Straße gingen. Dass wir mit Gebeten und Kerzen in der Hand eine Revolution entfachten, die ohne Blutvergießen das System zum Kippen brachte! Dass wir plötzlich ohne Mauer im Land und ohne Mauern im Kopf die Welt entdecken konnten, frei reden, frei reisen, frei denken und glauben. Aber nicht alle Träume wurden wahr: der Traum, dass es gerechter zugehen würde in dem neuen, wiedervereinigten Deutschland, der Traum, dass die Talente und die Arbeit aller gebraucht und geschätzt würde…

Und auch der Traum, dass es einen dritten Weg geben könne, jenseits von Sozialismus und Kapitalismus, auch der wurde nicht wahr. 25 Jahre nach dem Mauerfall will ich mir beides bewusstmachen: die wahr gewordenen Träume und die, die sich nicht erfüllt haben, noch nicht. Ich bin dankbar, und ich bin unzufrieden. Der alte Psalm gilt immer noch: „Hoffe auf den HERRN und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Aber auch die Ergänzung: „… wehre dich täglich!“ Finde dich nicht ab. Und hau nicht ab, auch nicht in irgendeine innere Emigration. In diesem Sinne: Bleibe im Lande und wehre dich täglich!

Erste genehmigte Protestdemonstration durch Kühlungsborn am 4.11.1989. Foto: Uwe Pilgrim

Foto: Uwe Pilgrim

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